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Monat: Mai 2020

Content Modeling: Die Kunst des Fügens

Neulich hat mich mein 13-jähriger Neffe um Hilfe bei einer Musik-Hausaufgabe gebeten. Okay, eigentlich war es meine Schwester – 13-jährige Jungs bitten grundsätzlich niemanden um Hilfe, wie ich aus meiner eigenen Erfahrung weiß… Jedenfalls ging es um das Violinkonzert Nr. 2 in E-Dur von Johann Sebastian Bach, genauer: um den 3. Satz (Allegro assai).

Die Herausforderung war, anhand eines Hörbeispiels den Refrain und die verschiedenen Strophen, hier „Couplets“ genannt, zu identifizieren und den jeweiligen Notensätzen auf dem Aufgabenzettel zuzuordnen. Für mich eine Gelegenheit, mich mal wieder der barocken Musik zuzuwenden – eigentlich bin ich eher härteren Gitarrenriffen zugeneigt.

Hier ist das Stück, um das es geht, in der Version der großartigen Hilary Hahn:

Es ist eigentlich nicht schwer, aus der Melodie die einzelnen Elemente herauszuhören. Bach hat für dieses Stück die Form eines Rondos gewählt. Es beginnt und endet mit dem Refrain A, der immer wieder durch die einzelnen Couplets unterbrochen wird:

Aufbau eines Rondos (Eigene Darstellung)

„Komponieren“ heißt dem lateinischen Wortsinne nach „zusammensetzen“ (componere). Der Komponist fügt seine Musik aus verschiedenen Noten zusammen. Die Noten selbst können dann größere Einheiten bilden, Takte etwa oder ein längeres „Leitmotiv“, das dann in unterschiedlichen Variationen immer wieder im jeweiligen Musikstück vorkommt. Auf die Spitze getrieben hat Bach dies in seiner „Kunst der Fuge“, in dem er anschaulich darstellt, welche Variationen sich musikalisch über eine recht simple Melodie, das „Grundthema“, bilden lassen.

Letzten Endes sind Noten aber nichts anderes als rohe Daten. Indem der Komponist eine Note in eine Partitur hineinzeichnet, legt er fest, in welcher Höhe und für welche Dauer ein bestimmter Ton gespielt wird. Ein Ton für sich genommen ist dabei noch keine Musik, erst in der Zusammenfügung der Töne und der Abstimmung aufeinander entsteht eine Struktur, die Melodie.

Was genau hat all das jetzt mit Content Modeling zu tun?

Auch beim Content Modeling kommt es auf die Zusammensetzung der Rohdaten an, auf die Struktur: „Structure brings context, and context is how we build understanding.“ (Atherton/Hane 2018: 5)

Das Content Model ist wie eine Partitur

Das Content Model ist dabei sozusagen die Partitur, nach der das Orchester zu spielen hat. Es beschreibt die verschiedenen Content-Objekte mit ihren jeweiligen Attributen und setzt sie in Beziehung zueinander.

Nehmen wir an, wir hätten ein Content-Objekt namens „Blogpost über Content Modeling“ (wie diesen hier). Dann würde man definieren, was denn überhaupt ein „Blogpost“ ist bzw. durch welche Attribute dieser definiert ist. Im Falle dieses Artikels wäre das eine Überschrift, reiner Text, eine Grafik, ein eingebundenes Video, eine Zwischenüberschrift.

Zugleich würden alle diese Attribute in sich definiert: Eine Zwischenüberschrift für den Blogpost hätte immer eine bestimmte Schriftart, Größe und Ausrichtung. Wie das hier exakt definiert ist, weiß ich selbst nicht, Gott sei Dank erledigt das die CSS-Datei des WordPress-Templates für mich. Aber damit ist bereits klar, dass sich der Schöpfer des Templates um genau diese Definitionen und Beziehungen intensive Gedanken gemacht hat.

Eine weitere Dimension des Content Modeling beschreibt die Beziehungen der Content-Objekte untereinander. Beispiel: Eine Übersichtsseite für einen Online-Kalender.


Screenshot der Website „Kita – Lebensort des Glaubens“

Die Seite selbst ist ein Content Objekt eines bestimmten Typs, nennen wir ihn: Kalender-Übersicht. Diesem sind bestimmte Attribute zugeordnet wie: Überschrift, Beschreibung, Suchfeld, Veranstaltungsvorschau. Die Veranstaltungsvorschau an sich ist aber wiederum ein Content Objekt eines eigenen Typs mit eigenen Attributen wie Überschrift, Unterzeile, Kursnummer, Datum und Uhrzeit.

Wir können also zusammenfassen: Ein Content Model besteht aus mehreren Content Types, die untereinander in Beziehung stehen. Den Content Types sind einzelne Attribute zugeordnet, die in sich auch wieder Content Types sein können. Und schließlich gibt es die einzelnen Content Objekte, die zu einem gewissen Content Type gehören.

Kling kompliziert? Ist es aber eigentlich gar nicht, wenn man das System dahinter verstanden hat. Bleiben wir bei unserem musikalischen Beispiel: Bach hat für sein Stück die Form eines Rondos gewählt, es also in die Teile A-B-A-C-A-D-A aufgeteilt. Jeder Buchstabe steht für einen Teil des Musikstücks, sozusagen ein eigenes Content-Objekt. Davon haben wir insgesamt sieben. Content Types gibt es hingegen nur vier, nämlich den Refrain und die drei Couplets. Die Attribute sind in diesem Fall die jeweiligen Noten mit ihren Längen, Tonhöhen und eventuellen Spielanweisungen wie Legato oder Triller.

So fügen sich die Einzelteile zu einem großen Ganzen: die Content-Objekte zu einem Modell und die Noten zu einer Melodie. Doch eine Sache fehlt noch!

Gemeinsames Verständnis ist essentiell

Das gemeinsame Verständnis aller Beteiligten, wie welches Attribut dargestellt werden soll. Eine Viertelnote beispielsweise kann lang oder kurz gespielt werden, je nachdem, wie der Künstler den Notensatz interpretiert. Damit nicht alle Musiker ihre eigene Vorstellung umsetzen und dabei eine große Kakophonie herauskommt, gibt es den Dirigenten, der die Interpretation vorgibt und zusammen mit dem Orchester eine gemeinsame Spielweise einübt.

Dasselbe Problem gibt es auch bei der Interpretation von Daten. Nehmen wir beispielsweise in unserem Kalender die Uhrzeit. Ich kann 19 Uhr schreiben, 19h, 19.00, 19:00 oder sogar in der amerikanischen Schreibweise 7pm. Alle diese Varianten beschreiben den gleichen Zeitpunkt, keine ist im eigentlichen Sinne falsch. Und doch muss ich mich auf einen Standard festlegen, damit es zu keinen Missverständnissen kommt und das System die Daten sauber verarbeiten kann. Diese Definition gemeinsam mit den inhaltlich Verantwortlichen, dem UX/UI-Team und der Programmierung zu treffen, ist Aufgabe des Content-Strategen. Er ist also, um im Bild zu bleiben, so etwas wie der Dirigent der einzelnen Gewerke und muss die Kunst des Fügens beherrschen.

Weiterführende Literatur:

Mike Atherton/Carrie Hane (2018): Designing Connected Content. Plan and Model Digital Products for Today and Tomorrow.

Deane Barker (2019): Real World Content Modeling. A Field Guide to CMS Features and Architecture.