Zum Inhalt springen

Monat: Juli 2020

Was sonst noch war…

Zwei Jahre Content Strategie-Studium in Graz – welche Erinnerungen bleiben?

Das war es nun also. Die letzte Hausarbeit ist erledigt, das letzte Online-Seminar gehalten – dies wird der letzte Blog-Eintrag zum Thema Content Strategie-Studium. Jedenfalls für den Moment. Es folgen noch die Master-Arbeit und die mündliche Prüfung, dann ist auch dieses Kapitel abgeschlossen. In meinem letzten Post möchte ich auf schöne und spannende Erinnerungen zurückblicken, die mir das Studium beschert hat.

Das Aufnahmegespräch: Breul Power!

Obschon ich schon längere Zeit mit dem Gedanken gespielt hatte, ein berufsbegleitendes Masterstudium aufzunehmen, war meine Bewerbung für Graz schließlich doch recht spontan. Und wie ich es von früher gewohnt war, mahlten die Mühlen akademischer Bürokratie langsam und unerbittlich. Mein niederländisches Bachelor-Zeugnis war für die für den Bewerbungsvorgang zuständige Sachbearbeiterin offenbar nicht genügend, ich sollte das deutsche Zeugnis vorlegen. Meine Rückfrage wofür das noch benötigt werde, wurde mit der Wiederholung der ersten Mail beantwortet. Stakeholder-Kommunikation at its worst.

Um so erfreuter war ich, nach einigen Tagen dann die Einladung zum Vorstellungsgespräch nach Graz zu bekommen. Ich hatte eine Ahnung, dass der Studiengangsleiter mit dem schönen westfälischen Nachnamen Wittenbrink nicht gerade ein eingeborener Steirer sein konnte, und so war es dann auch. Innerhalb weniger Minuten hatten wir herausgefunden, dass wir nicht nur beide an der Westfälischen Wilhelms-Universität studiert, sondern auch im gleichen Studentenwohnheim gewohnt hatten, dem legendären „Breul“. Es entsponn sich eine angeregte Diskussion über Sommerfeste und Thekendienste in der Kellerbar im Wandel der Jahrzehnte, die locker länger gedauert hätte, wenn nicht Robert Gutounig irgendwann mit leicht hochgezogener Augenbraue die Zwischenfrage gestellt hätte, ob wir auch noch mal wieder über das Thema Content Strategie sprechen könnten. 🙂

Eindrücke aus Graz: Der Heldenplatz in der Innenstadt

Die Lehrenden: Fast immer erste Sahne!

Da die FH Joanneum weit und breit die einzige Hochschule ist, die Content Strategie als Studiengang anbietet, kann sie ein internationales Panel an hochrangigen Expert:innen als Lehrende vorweisen. Ob Paula Land, Margot Bloomstein und Deane Barker in den USA, Rahel Bailie in London oder die ganzen deutschsprachigen Lehrenden, die ich gar nicht alle aufzählen kann: Ich hatte immer wieder den Eindruck, hier lerne ich von den Besten, die das Feld zu bieten hat!
Dabei kommt dem Studiengang natürlich auch zu Gute, dass er so überschaubar ist. Es gibt keine Massenvorlesungen, sondern kleine, intensive Workshops und Vorträge, und die Lehrenden sind für Fragen jederzeit ansprechbar. Das gilt auch für das gesamte fest angestellte Team des Studiengangs. Wenn es dann doch mal zu Missverständnissen oder Beschwerden kam, konnten wir alles auf kurzem Weg miteinander klären.
Und noch etwas sticht heraus: Fast alle Lehrenden kommen aus der Praxis, sind entweder auf Corporate-Seite oder als Berater:innen mit dem Thema Content befasst. Das schlägt sich positiv auf die Lehrveranstaltungen nieder. Fast immer konnte ich nach einem Studienwochenende montags ins Büro fahren und sagen: Leute, ich hab da was Neues gelernt, das probieren wir jetzt mal aus.

Das Netzwerk: Klein, aber oho!

Die Content-Bubble ist noch relativ überschaubar, aber gerade das macht ihren Reiz aus. Jede:r kennt (fast) jede:n und alle helfen allen. Es herrscht eine ausgeprägte Sharing-Kultur, die sich nicht nur auf den einschlägigen Barcamps zeigt. Und alle bringen ihre persönlichen Erfahrungen als UX-Designer, PR-Fachfrau, Redakteurin, SEO-Spezialist, Copywriter, Marketer usw. ein. Sie alle bilden das „Team Content Strategie“, und es macht Spaß, dazu zu gehören!
Das gilt in besonderer Weise für unseren fantastischen Jahrgang COS18. Anfangs hatte ich ein bisschen Sorge: als Oldie unter all den jungen Leuten, noch dazu als fast einziger Deutscher? Die sprachlichen und kulturellen Unterschiede hatten wir schnell überwunden und gemeinsame Erlebnisse wie der unvergessliche Cocktailabend bei Rahel mit Blick auf die Themse haben uns zusammengeschweißt. Eines Abends beim „Steirer“ bekam ich sogar das Kompliment: „Du bist zwar a Piefke, aber du bist lustig.“ Mission accomplished! 🙂

Eindrücke aus Graz: Die Herrengasse in der Innenstadt mit der Stadtpfarrkirche.

Die Stadt: Schockverliebt auf den zweiten Blick

Nein, Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Ich kam am Abend vor dem Aufnahmegespräch im Dunklen an, fuhr am nächsten Morgen früh mit Bus und Straßenbahn von meinem Hotel am Lendplatz über die Annenstraße zur FH und fühlte mich ob der grauen Fassaden ein bisschen an meine Heimat, das Ruhrgebiet erinnert. Unser größter Heimatdichter Frank Goosen hat den unvergessenen Satz geprägt: „Woanders is auch scheiße“, und irgendwie schien der mir zu passen.
Aber lediglich, bis ich nachmittags das erste Mal durch die Grazer Altstadt geschlendert und auf den Schloßberg gefahren war. Wow! Ich bin als Wahlmünsteraner wirklich ziemlich verwöhnt, aber Graz kommt mir fast wie die südländische Zwillingsschwester der Westfalenmetropole vor: Ähnlich groß, ähnlich jung (große Unis und Fachhochschulen gibt es hier wie dort), beides extrem charmante Innenstädte. Nur beim Wetter gibt es entscheidende Unterschiede. Über Münster heißt es: Entweder es läuten die Glocken oder es regnet, und wenn beides zutrifft, ist Sonntag. Über Graz könnte es nach meiner Erfahrung heißen: Entweder es regnet oder ich bin in der Stadt, denn dass ich dort schlechtes Wetter erlebt hätte, kam so gut wie gar nicht vor. Das ist der Vorteil des mediterranen Klimas auf der Südseite der Alpen.
Ich habe durch die Reisen nach Graz auch kulturell einiges über Österreich gelernt. Ich kann inzwischen ansatzweise den wienerischen vom Tiroler Dialekt unterscheiden und weiß, was ich vorgesetzt bekomme, wenn ich einen „Vogerlsalat“ bestelle. Für einige andere Erfahrungen fehlte mir allerdings bislang die Zeit. Deswegen kommt hier zum Abschluss noch meine Graz-Bucket-List, verbunden mit dem Versprechen, dass ich sicherlich noch einige Male in diese schöne Stadt zurückkehren werde:

  1. Mit den Pfauen im Schlosspark Eggenberg chillen
  2. Eine heiße Schokolade auf der Dachterrasse von K&Ö trinken
  3. Die Schlossbergrutsche hinunterrutschen
  4. Das Arnold-Schwarzenegger-Museum in Thal besuchen
  5. Das Universalmuseum Joanneum erkunden
  6. Vom Kunsthaus endlich mal mehr als das Café entdecken
  7. Mit dem Fahrrad die Mur entlang radeln

4 Dinge, die ich über Content Strategie gelernt habe

Ein Fazit nach zwei Jahren Content-Strategie-Studium

Zwei aufregende, interessante, erfüllende, aber auch sehr arbeitsreiche Studienjahre neigen sich dem Ende zu. Zeit für ein Fazit: Was sind die „key learnings“, also die großen Dinge, die ich in diesem Studium gelernt habe (neben unzähligen weiteren Sachen, die ich oft genug direkt in die Praxis umsetzen konnte)?

1. Content ist mehr als Text

Wenn von Content die Rede ist, ist oft das geschriebene Wort gemeint, allenfalls noch garniert mit einem oder mehreren Bildern. Das ist auch zunächst mal nicht falsch, aber längst kein vollständiges Bild. Letzten Endes geht es um Infiormationsvermittlung, um Daten, die wir Menschen verarbeiten können. Und dazu brauchen wir eine Kontextualisierung. Die Zahl 40 an sich hat für uns keinen informationellen Mehrwert, wenn wir nicht wissen, um welchen Kontext es geht. Ist es der Preis in Euro, den ich für ein bestimmtes Produkt zahlen muss, ist es das Alter eines Kollegen oder die Nummer der Autobahn, auf der sich der Stau aus dem Verkehrsfunk befindet?

Content kann also jede Form von kontextualisierter Information haben: Text, Bild, Social-Media-Snippets, Video, Grafiken, Tabellen. Wichtig ist dabei, dass Content immer zwei Ebenen hat: eine inhaltliche und eine technische. Inhaltlich legen wir Wert darauf, dass Content korrekt, aktuell und gut verständlich ist, technisch müssen wir dafür Sorge tragen, dass man den Content gut erreichen kann, dass er bestimmten Standards folgt und vor allen Dingen auch von maschinellen Systemen interpretiert werden kann.

2. Content hat Konventionen zu folgen

Indem wir beim Erstellen des Contents bestimmten Konventionen folgen, stellen wir sicher, dass Menschen und Computer unsere Inhalte interpretieren und auch das System dahinter verstehen können. Beispiel:

Peter Neumann
Hauptstraße 15
12345 Musterstadt

Für jeden Betrachter ist klar: hier handelt es sich um eine Adresse. Doch diese Interpretation, die ich auch z.B. durch Formularfelder auf einer Website manifestieren kann, ergibt sich erst aus der vorgegebenen Zusammenstellung der einzelnen Daten. Wir wissen (und haben es den Computersystemen beigebracht): Eine Adresse besteht immer aus
[Vorname] [Nachname]
[Straße] [Hausnummer]
[Postleitzahl] [Stadt]

Sobald ich die Reihenfolge ändere, ergeben die Daten keinen Sinn mehr. Bei Content Strategy geht es daher darum, die Daten in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen und so aufzubereiten, dass sie allgemein verständlich sind. Einmal festgelegt, dürfen diese Konventionen nicht aufgeweicht werden, sonst bricht „Content-Chaos“ aus.

3. Content hat ein Verfallsdatum

Content Strategy is a repeatable system that governs the management of content throughout the entire lifecycle.

Rahel Bailie

Content Strategie ist ein Kreislaufsystem: Planen – Ausführen – Evaluieren, und dann wieder von vorne: Neu planen auf der Grundlage der Evaluation. Das nennen wir den „Content Lifecycle“.

Content Lifecycle. (Quelle: Rahel Bailie)

Das bedeutet allerdings nicht, dass jedes einzelne Stück Content bis zum Ende aller Tage im Netz vor sich hin schimmeln muss. (Zunächst mal sollte es überhaupt nicht schimmeln, denn nach dem Lifecycle-Prinzip würde sich jemand darum kümmern, es aktuell und korrekt zu halten.) Aber wenn es doch so sein sollte, dass Content die Ansprüche an ihn nicht mehr erfüllt (Colleen Jones nennt das „ROT-Content“ für „redundant, outdated (inaktuell), trivial“), dann sollte man daraus die richtigen Konsequenzen ziehen und all das löschen, was den Usern keinen Erkenntnisgewinn bringt. Erste Hinweise darauf liefert einem zuverlässig die Analyse der Aufrufstatistiken.

4. Content Strategie liegt an der Schnittstelle von allem

Eine echte Überraschung für mich war, wie vielfältig der Studiengang Content Strategie aufgestellt ist. Neben den obligatorischen Kursen etwa über Schreiben und Kuratieren fürs Web, Content Audits, Informationsarchitektur oder User Experience Design, gab es im Wahlpflichtbereich Möglichkeiten, sich weiter zu spezialisieren, beispielsweise zu Typographie fürs Web, Storytelling oder Wissensmanagement.

Letzten Endes lassen sich all diese Kurse wieder auf die eine Frage zurückführen: Welche Informationen bieten wir welcher Zielgruppe auf welchem Kanal an und was müssen wir dafür tun? Es geht also um die strategische Planung, Verteilung und Verwaltung von Inhalten – und damit immer wieder um den Kern der Content Strategie.